Home    Termine     Info

Home

Begehrt, gemein, vorbildhaft/ Nachbarschaftliches wohnen und Arbeiten mit ökologischen Konzepten und genossenschaftlicher Finanzierung. In der Schweiz funktioniert das auch mit Hilfe kommunaler Banken.


Die Kräne schwenken hin und her, Bauarbeiter pumpen Beton ins Innere. Sechsstöckig ragt die gelbe Fassade des neuen Blocks an der Kalkbreite-straße in Zürich empor. Hier entsteht eine Mischung aus Wohnen und Arbeiten. Und die Mischung ist angeleitet von gemeinwirtschaftlichem Denken, dem Zusammendenken von Wohnen, Konsum und Produktion. Mit dem Denken und Konzepte verfassen geben sich die Schweizer schon länger nicht mehr ab. In Zürich, aber auch in Luzern und Genf, entwickelt sich eine Genossenschaftsbewegung, die Grundstücke von der Stadt pachten will und Bauten projektiert. In die Zürcher Kalkbreite ziehen ab April die ersten Leute ein. 230 Menschen werden es insgesamt, dazu ist noch Platz für 25 Gewerbebetriebe.


60 Millionen Schweizer Franken werden verbaut, etwa 50 Millionen Euro. Die großen Finanzierungprobleme solcher Projekte in Deutschland er-lebten die Zürcher nicht. Das Geld kam von der riesigen Zürcher Kantonalbank. Diese öffentlichrechtliche Anstalt hat Kundenvermögen von knapp 200 Milliarden Schweizer Franken anzulegen. Da gibt sie auch einen Kredit für ein Projekt, von dem in Deutschland wegen seines alternativen Anstrichs die meisten Banken die Finger lassen würden. Allerdings sind die Verhältnisse in Zürich auch andere als in vielen deutschen Städten: Die 2.000 Franken Monatsmiete für eine 100-Quadratmeter-Wohnung in der Kalkbreite gelten als sehr günstig, der Andrang war enorm und Leerstand so nicht zu Befürchten.


Außerdem hat die Kalkbreite-Genossenschaft als Betreiber einen Erbpacht- Vertrag mit der Stadt Zürich über 70 Jahre abgeschlossen, samt einer Option auf Verlängerung. Sie muss also das Gelände nicht am Anfang teuer kaufen, sondern zahlt verteilt über die Jahre aus den Mieteinnahmen. Ein buntes Baustellenschild erklärt genauer, wer hier alles einzieht in die 5.000 Quadratmeter Gewerbefläche: Möbel Zürich, Greenpeace Schweiz mit Dutzenden von Angestellten, die Anlaufstelle für Papierlose oder ein Blumenladen. Eine große Freitreppe führt von der Straße hinauf in einen Innenhof. Der ist 2.500 Quadratmeter groß, mit Bäumen bepflanzt und von Wohnungen, Büros und einem Restaurant gesäumt. Er soll die Bewohner des Viertels einladen, herein zu kommen. Vom Innenhof führt der Haupteingang in den Wohntrakt. Dort sind in und neben der Eingangshalle die Briefkästen und der zentrale Waschsalon. Dazu der Sitz der sogenannten Desk Jockeys. Diese DJs sind Angestellte der Genossenschaft. Sie bewirtschaften das Gebäude, verwalten aber auch gemeinschaftliche Einrichtungen wie eine Pension, die Sauna oder die diversen Veranstaltungs- und Feierräume.


Die vielen gemeinschaftlich genutzten Flächen sparen viel Raum und damit Geld in den Wohnungen, weil zum Beispiel nicht jeder ein Gästezimmer vorhält. So sinkt der Quadratmeterbedarf von etwa 50 Quadratmeter in einem derzeit üblichen Neubauprojekt auf unter 35 Quadratmeter pro Person. Schon ein Jahr vor dem Bezug begann der „Gemeinrat“ zu tagen. Monatlich versammelt sich dort die Mieterschaft und entscheidet über Fragen der Nutzung und des Zusammenlebens. Die Küchenenrichtungen zum Beispiel kommen alle vom gleichen Handwerker. Das garantiert Qualität und günstigere Preise. Aber es muss Einigkeit darüber erzielt werden, welche Varianten denn eingebaut werden.


„Bei einem gemischt genutzten Projekt ist die frühe Beteiligung essentiell, so Res Keller, Geschäftsführer der Genossenschaft Kalkbreite. „Schon ab der ersten Planung gilt es, die später am Wohnen und Arbeiten Interessierten einzubeziehen.“ Das frühe Kennenlernen der Bewohner ist auch wichtig für das Zusammenfinden in dem großen Komplex. Immerhin windet sich ein riesiger Flur verbindend durch das Gebäude - getauft „Rue Intérieur“, also Innenstraße. Davon gehen zahlreiche verschiedene Wohnformen ab. Das reicht von Einzelwohnungen bis zum „Großhaushalt“.


Im Großhaushalt wohnen gut 50 Bewohner in 20 Wohnungen. Mit einer gemeinsamen Küchenlandschaft samt professionellen Köchen und einer Belieferung durch einen Laden unten im Gebäude. Die Lebensmittel stammen praktisch ausschließlich aus der näheren Umgebung. So wird etwa das Gemüse von einer Genossenschaft angebaut, bei der die Bewohner mitarbeiten.


Es haben sich fünf Genossenschaften bei der Ausschreibung für das Areal an der Kalkbreite beworben. „Da war das Konzept schon entscheidend“, so Res Keller. Und dieses Konzept gleicht in manchen Punkten dem urbanen Nachbarschaftsmodell von Neustart Schweiz. Damit wird die Frage beantwortet „wie wir in Wohlstand und Zufriedenheit leben können, ohne den enormen Ressourcenverbrauch weiter zu führen“, sagt Fred Frohofer. Er ist Vorstandsmitglied des Vereins und zieht in die Kalkbreite ein: „Weil es das am weitesten fortgeschrittene Konzept ist, welches dazu noch wirklich zentral gelegen.“


Eine hundertprozentige «Neustart- Nachbarschaft» ist bis heute noch nicht realisiert. Eine solche Nachbarschaft sieht nicht nur Urbanität vor, sondern ist auf rund 500 Menschen ausgelegt. Dies ist nötig, um ein Mikrozentrum sinnvoll betreiben zu können. So nennt sich die gemeinschaftlich organisierte Infrastruktur mit Lebensmittelversorgung, je nach Bedarf Kinderbetreuung und Wellnessbereich, aber sicher mit Ge- meinschaftsräumen und -werkstätten.


Die Kalkbreite ist für ein Mikrozentrum mit 500 Leuten noch zu klein. Doch beim Umweltverbrauch ist sie schon recht weit: autofrei, die Solaranlage auf dem Dach liefert 20 Prozent des Stroms. Eine Gemeinschaftsgefrieranlage im Keller spart viel Energie. Und die Wärme wird zu 100 Prozent aus dem reichlich unter dem Gebäude durchfließenden Wasser des nahen Flusses Sihl gewonnen.


Ähnlich, aber viel größer ist ein anderes aktuelles Projekt im Zürcher Norden. Auf dem acht Fußballfelder großen Gelände eines ehemaligen Betonwerkes entsteht ein Dutzend Gebäude von verschiedenen Architekten. „Mehr als Wohnen“ heißt es. Mehrere Dutzend Zürcher Wohnge-nossenschaften haben sich hier zusammengeschlossen für ein Vorzeigeprojekt. 185 Millionen Franken sind projektiert. Dafür sollen 450 Wohnungen für 1.100 Mietergenossen entstehen, dazu noch viel Fläche für Gewerbe und eine Schule. Derzeit rattern auch hier noch die Baumaschinen, ab dem Herbst 2014 ziehen jedoch schon Leute ein. Die Betreiber schreiben auf Mehralswohnen.ch: „Unsere Richtschnur ist die 2000-Watt-Gesellschaft“ - also ein gedrittelter Umweltverbrauch im Vergleich zum derzeitigen Durchschnittseuropäer. Und ausdrücklich ist das Ganze nicht an die übliche Standardfamilie gerichtet, sondern an „verschiedenste Wohn- und Lebensformen“. Da lernen die großen Wohnbau-genossenschaften gerade etwas hinzu, zum Beispiel aus der Kalkbreite.


ZUSATZINFOS ena1.ch sowie die Spatenbrigade auf ortoloco.ch




INHALT:


> Lokale Finanzierungen für die Soziale Solidarische Ökonomie in Europa (neu und noch nicht im Heft)

> Editorial „Es ist eine große Freude zu spüren, dass wir ein Teil der Bewegung sind...“

> 2000 Franken für die Gemeinwirtschaft

> Alternative zu Ebay und Amazon/ Online-Marktplatz konsequent transparent

> Die 7-it eG, Die Oya Medien eG und die sinnwerkstatt Medienagentur GmbH.

> Globale Allianz der „Guten Banken“

> Solidarisch gesund statt kranker Kasse

> Eine gute Idee braucht Bewegung

> Auf dem Weg zu einer neuen Ökonomie/ Gemeinwohl-Werte zählen


ZUR STARTSEITE







Home  |  Termine  |  Info